Montag, 13. Juli 2015

Tage 6 und 7: Im Wilden Westen

Im "Diamond Belle Saloon" wird das Bier von Animier-Damen in CanCan-Kleidchen serviert, der Mann am verstimmten Klavier spielt "The Entertainer" von Scott Joplin und vermutlich kommen jeden Moment Wyatt Earp und Billy The Kid rein und zetteln eine wilde Schießerei an. Wir sind im Saloon unseres Hotels, das ist das historische Strater-Hotel in Durango, einer kleinen Stadt ganz im Süden von Colorado, und fühlen uns hier in den Wilden Westen zurück versetzt. Jedenfalls in den Wilden Westen, wie man ihn sich nach Karl Mey-Lektüre und diversen John-Wayne-Western gemeinhin so vorstellt und wie er hier perfekt inszeniert wird.




Das Hotel im viktorianischen Stil, die Dampfeisenbahn aus den 1880er Jahren, Saloons und Stores - alles beamt die Besucher in die Pionierzeit in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in die Zeit von Trappern und Siedlertrecks, von Goldrausch und Postkutschen. Der Wilde Westen wird hier für die vielen Touristen natürlich verklärt und romantisiert, die gewaltsame Verdrängung der Indianer bleibt unerwähnt. Trotzdem: ein großartiger Tag liegt hinter uns. Mit der historischen Schmalspurbahn zuckeln wir dreieinhalb gemütliche Stunden durch das San Juan-Gebirge bis auf fast 3000 Meter Höhe von Durango nach Silverton und haben unterwegs grandiose Einblicke in die Natur. Unser "Silvervista"-Waggon mit Glasdach ist an den Seiten offen, unentwegt weht Ruß hinein, und Bob, der Conductor, erzählt unterwegs von der Geschichte der Dampfeisenbahn, der Eisenbahnbauer und der Minenarbeiter. 




Tags zuvor sind wir mehr als 400 Meilen von Denver nach Durango gefahren, mit einem kurzen Stopp im unvergleichlichen Great Sand Dunes National Park. Hier türmen sich vor den San Juan-Bergen Sanddünen bis zu einer Höhe von 230 Metern auf, die höchsten Dünen Nordamerikas, entstanden  durch Sandablagerungen des Rio Grande, die der Westwind durch das Tal vor den Bergen geweht und zu Dünen aufgehäuft hat, die sich täglich verändern. Die Landschaft ist dreigeteilt: Auf der einen Seite ein Panorama fast wie in den Alpen, dann Watt wie an der Nordsee, dahinter Dünen wie in der Wüste. Unglaublich!     


Berge, Watt und Dünen im Dreiklang

Erkenntnisse der letzten beiden Tage: 
1. Der Sprit ist hier günstig: eine Gallone (3,8 Liter) kostet 2,70 $, also etwa 0,70 € pro Liter. 
2. Zigaretten sind dafür extrem teuer: Zwischen 8 $ und 13 $ pro Schachtel (es gibt keine Preisbindung wie in Deutschland). Da Rauchen aber ohnehin total vepönt und praktisch überall verboten ist, raucht hier sowieso fast niemand mehr, und es macht auch wenig Spaß zu rauchen - seit wir hier sind, habe ich noch nicht mal ein halbes (mitgebrachtes) Päckchen geraucht. 
3. Ein richtiger Cowboyhut aus Biberpelz-Filz ist nicht unter 200 Dollar zu haben. Und echte handgefertigte Cowboystiefel sind leider völlig unerschwinglich. 

Morgen geht's weiter: vom wunderschönen Colorado nach New Mexico. Gute Nacht aus Durango!

http://www.durangotrain.com
http://strater.com
http://www.diamondbelle.com
http://www.nps.gov/grsa/index.htm

Samstag, 11. Juli 2015

Tage 4 und 5: Unser Roadtrip beginnt

Um den Flughafen von Denver ranken sich allerlei obskure Gerüchte. Verschwörungstheoretiker argwöhnen, in geheimen Gängen und Räumen unterhalb des riesigen Areals sei eine Art Vernichtungslager der Zukunft angelegt worden. Begründung u.a.: Seine enorme Fläche von etwa 140 Quadratkilometern und: Der Stacheldraht, der den gesamten Flughafen umgibt, sei nicht nach außen, sondern nach innen ausgerichtet. In die ausgestellte Kunst und die Wandgemälde am Airport imterpretieren sie die Zerstörung der Welt und allerlei Nazi-Symbolik hinein und behaupten, Start- und Landebahnen seien in der Form eines Hakenkreuzes angelegt worden. Uns ist beim Landeanflug nichts dergleichen aufgefallen, dafür aber die großartige Dachkonstruktion über dem Terminal, die schon von weitem gut sichtbar ist. Die 34 weißen Spitzen sollen an die nahegelegenen Rocky Mountains erinnern. 


Die Flugzeit zwischen New York und Denver beträgt etwas über 4 Stunden. Wir holen unseren Mietwagen ab (einen fabelhaften Jeep Grand Cherokee) und fahren nach Golden, einem kleinen Vorort von Denver. Dort haben wir ein Bed & Breakfast gemietet, "The Dove Inn". In dem 150 Jahre alten Haus aus der Goldgräberzeit geht es sehr herzlich und familiär zu, und das riesige Bett ist unfassbar gemütlich. 




Abends erkunden wir Golden, ein nettes kleines Städtchen aus der Zeit des Goldrauschs, und den nächsten Vormittag verbringen wir in Denver Downtown. Das Capitol mit der goldenen Kuppel ist das Wahrzeichen der "mile high city": Die 15. Stufe auf der westlichen Treppe liegt genau eine Meile über dem Meeresspiegel. Der große blaue Bär, der am Convention Center zum Fenster hineinschaut, heißt "I see what you mean" und ist von einer Kunstausstellung übrig geblieben. 








Noch weit besser als Denver gefällt uns Boulder, die Universitätsstadt nördlich von Denver, mit ihrer entspannten Atmosphäre und der schönen Fußgängerzone. Viele Straßenkünstler zeigen dort ihr Können, und Derek hat neben artistischen auch echte Entertainer-Qualitäten. Ein toller Nachmittag!



Kleiner Spaß zur Mittagspause: das Riesen-Sandwich für den kleinen Hunger zwischendurch, das wir nach langem Überlegen dann doch nicht gekauft haben, obwohl es nur 6.99$ gekostet hätte... :-)


Fazit unserer ersten anderthalb Tage in Colorado: ein himmlisches Land! Der Himmel unfassbar blau, das Land so weit das Auge reicht, die Menschen herzlich und entspannt und die Rocky Mountains zum Greifen nah. Hier gefällt's uns!

Freitag, 10. Juli 2015

Tag 3: Meeting Lady Liberty - oder: Oops, we did it again!

Vielleicht sind wir Münsterländer Landpomeranzen doch zu doof für die Tücken der Großstadt. Gestern haben wir geschlagene zwei-einhalb Stunden gebraucht, um von Jersey City nach Liberty Island zu gelangen. Dabei sah auf Apple-Maps alles so einfach aus: 21 Minuten Fußweg vom Hotel zur Anlegestelle von Statue Cruises an der Marina - fertig. Leider haben wir uns verlaufen und vor allem nicht gesehen, dass wir am kleinen Hafen von Jersey City einen Arm des Hudson überqueren mussten - wozu eine andere als die erwartete Fähre nötig war, wie uns freundliche und offenbar deutlich besser vorbereitete Touristen aufklärten. Nach längerer Wartezeit kreuzte diese Fähre auch tatsächlich auf und setzte uns zur eigentlichen Anlegestelle über. Für 20 Meter Flußüberquerung hatten wir da aber schon 40 Minuten Zeit verdaddelt. Endlich bei Statue Cruises, dem offiziellen Fährunternehmen für alle Fahrten nach Liberty Island, angekommen, schnaufte das große Fährschiff natürlich vor unseren Augen davon und wir konnten erst die nächste nehmen. Wenigstens konnten wir in der Zwischenzeit und später an Bord die Aussicht auf die Skyline von Manhattan in Ruhe genießen.


Und dann beginnt unser Meeting mit Lady Liberty. Während Manhattan immer kleiner wird, kommt die Freiheitsstatue immer näher. Selbst heute, bei wolkenverhangenem Himmel, sieht sie einfach wunderschön aus. Wie stolz und erhaben sie auf ihrem Sockel steht und die Fackel in den Himmel reckt! Was wohl die Millionen von Einwanderern, die per Schiff über den Atlantik kamen, bei ihrem Anblick, der ja der erste auf die Neue Welt war, empfunden haben? 


Auf Liberty Island angekommen, trennen sich unsere Wege: Charlotte und ich haben wieder Tickets für die Krone der Freiheitsstatue, während Dirk diesmal nicht mit hochklettern will. Vor zwei Jahren haben wir diese Tour gemeinsam gemacht, aber bei einer Größe von 1,94 m und Schuhgröße 46 sind die 168 Stufen über die niedrige, enge, sich schier endlos durch den Körper von Lady Liberty windende eiserne Wendeltreppe mit ihren viel zu kurzen Stufen zwar keine sportliche Herausforderung, aber auch kein Spaß. Dirk genießt diesmal lieber in Ruhe die Insel, während wir uns auf den Weg durch den eisernen Körper machen. Obwohl es heute nicht besonders heiß ist, ist die Luft im Inneren der Statue stickig. Die Treppe ist ungefähr so schmal wie ein Flugzeugsitz in der Economy Class (kein Witz), dabei aber total niedrig und mega-eng spiralförmig gewunden, so dass man sich mit jedem Schritt praktisch um sich selbst wickelt und einem beim Hochkraxeln schwindlig wird. 


Charlotte schaut immer wieder über das Treppengeländer nach unten - das versuche ich tunlichst zu vermeiden, damit mir nicht noch schwindliger wird. Keuchend und schnaufend erreichen wir die kleine Plattform ganz oben im "Gehirn" von Lady Liberty. Zwei Ranger haben dort Aufsicht, beantworten Fragen, machen Fotos der Touristen. Etwa sechs Besucher haben dort oben gleichzeitig Platz.



Zwischen den Streben im Kranz der Krone sind von innen Fenster angebracht, die zum Teil geöffnet sind. Lady Liberty's Kopf, in dem wir uns befinden, ist etwa 5 x 3 Meter groß, die Nase 1,48 m lang. 
Noch mehr Fakten:


Durch ein Fenster ganz links sehen wir genau auf die Tafel, die die Iron Lady in ihrer linken Hand hält, und können die Inschrift sehr gut lesen und fotografieren: JULY IV MDCCLXXVI, also 4.7.1776, das Datum der Unabhängigkeitserklärung:


Der Ausblick nach Manhattan ist leider trüb und diesig und ehrlich gesagt auch nicht so viel anders, als vom Podest der Statue aus, aber der Gedanke, von wo wir gerade auf die Skyline blicken, ist schon cool. Ein Strahl der Krone muss daher unbedingt wieder mit auf's Foto.


Beim Abstieg wird mir wieder total schwindlig. Jetzt bloß nicht über's Geländer schauen, sondern tapfer weitergehen - einfach hinter Charlotte her!


Unten angekommen habe ich das Gefühl, dass mir jemand Wackelpudding in die Knie gespritzt hat, und sinke nach Wasser lechzend auf die kühle steinerne Bank am Eingang. Jetzt sind wir zum 2. Mal "Crownies"! 

Wir beschließen, mit der Fähre nach Ellis Island rüberzuschippern. Auf der Einwandererinsel hat es uns bei unserem ersten New York-Besuch super gefallen. Wir lassen diesmal das Museum aus und betreten gleich den riesigen Registry Room, in dem die Einwanderer sich registrieren lassen mussten. Auch von mir waren Verwandte dabei: Mehrere Geschwister meiner Großmutter mütterlicherseits sind nach dem ersten Weltkrieg aus der Nähe von Stuttgart in die USA ausgewandert. Meine Großtante Elsie habe ich in den 70er-Jahren noch kennengelernt. Sie lebte in der Nähe von Philadelphia und machte die weltbesten Burger, zu denen echt schwäbische Spätzle gereicht wurden - eine großartige amerikanisch-schwäbische Liaison... Ihren Mädchennamen "Lautenschlager" finde ich tatsächlich an der Wall of Honor im Park von Ellis Island wieder, aber ob Adam oder Jacob Lautenschlager wirklich mit mir verwandt sind, weiß ich leider nicht.


Von Ellis Island aus nehmen wir Abschied von Lady Liberty. Danke für die Gastfreundschaft - es war gar nicht mal so ungemütlich in deinem Kopf!

Wir nehmen die Fähre Richtung Manhattan und verbringen den Nachmittag mit Extreme Shopping im "Century 21", dem Outlet-Paradies am Freedom Tower. Das heißt: eigentlich shoppt nur einer, und das ist ... Dirk! Als wir den Riesen-Store verlassen, ist es endlich mal etwas sonniger, und der Freedom Tower erstrahlt in vollem Glanz. Er bekommt gerade einen neuen Bahnhof, das ist die Baustelle mit dem futuristisch anmutenden Dach.


Zurück auf der anderen Seite des Hudson Rivers wird es Zeit für eine erste Bilanz: Hat es sich gelohnt, diesmal nicht in Manhattan, sondern in Jersey City zu übernachten? Ehrlich gesagt - nein. Das Hotel war zwar wirklich gut und im Verhältnis auch recht günstig - solch riesige Zimmer kriegt man in Manhattan nicht für diesen Preis. Aber die Nebenkosten gleichen die Ersparnis schnell wieder aus: Da wir zwar direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Hudson, aber eben in einem anderen Bundesstaat wohnen und noch dazu der mautpflichtige Holland-Tunnel die Verbindung für Autos zwischen Manhattan und Jersey City ist (und der kostet 14 $ oneway - jedes Mal!), ist die Taxifahrt vom/zum Flughafen trotz Flatrate viel teurer, als in Manhattan und dauert auch viel länger, weil es im Tunnel IMMER Staus gibt. Praktisch: Der PATH Train braucht vom Hotel zum One World Trade Center keine 5 Minuten, ein Rückfahrticket kostet 5,50 $. Der Skyline-View ist genial und je nach Wetter und Tageszeit immer wieder anders, aber unterm Strich lohnt es sich nicht, New Jersey zu buchen - die Nebenkosten sind einfach zu hoch. Trotzdem war es ein schöner Aufenthalt und New York wieder einmal großartig, mit neuen Ein- und Aussichten, anstrengend, laut und einfach MEGA.

Der Abend wird kurz, denn morgen früh um halb sechs kommt das Shuttle, das uns zum Flughafen LaGuardia bringt, von wo wir nach Denver, Colorado fliegen. Blake & Krystle Carrington - wir kommen! 


Abschied von Manhattan morgens um 5:30 Uhr - die Stadt erwacht.





 

Mittwoch, 8. Juli 2015

Tag 2: 9/11

Unser zweiter Tag steht ganz im Zeichen von 9/11. Er beginnt um halb acht mit einem kleinen Frühstück bei Starbucks neben dem Hotel, inklusive Ausblick auf das One World Trade Center. Mit dem Path Train, der New Jersey jenseits des Hudson Rivers mit Manhattan verbindet, fahren wir zur Haltestelle "World Trade Center". Die U-Bahn fährt praktisch minütlich, und die Züge sind alle brechend voll - halb Jersey City scheint in Manhattan zu arbeiten. 
Wir werden mit dem Menschenstrom aus dem U-Bahnhof herausgeschwemmt und stehen draußen praktisch direkt vor dem One World Trade Center, 541 Meter hoch und wunderschön. Die Höhe ist bekanntlich symbolisch: 541 Meter entsprechen 1776 Fuß, und das wiederum ist das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. Das riesige Bürogebäude ist das höchste Gebäude der USA und das vierthöchste der Welt. Es ist 120 Meter höher, als die beiden Twin Towers. 


Der offizielle Name ist "One World Trade Center", kurz "WTC 1" - so hieß auch der frühere Nordturm. Unser Taxifahrer hat uns gestern erzählt, dass die New Yorker meist "Freedom Tower" sagen. Seit Ende Mai ist die Ausichtsplattform, das "One World Observatory", geöffnet. Es ist kurz vor neun und noch total leer im Wartebereich. Eine digitale Anzeige erzählt, dass innerhalb der sechs Wochen seit der Eröffnung bereits 380.000 Besucher aus mehr als 100 Nationen hier waren. Die rasante Aufzugfahrt in die 100. Etage zeigt uns an den Wänden im Zeitraffer die Entstehung Manhattans. Oben erwartet uns nach 47 Sekunden eine spektakuläre 360-Grad-Rundum-Ausssicht aus 380 Metern Höhe von der 100. bis zu 102. Etage. 






Das Blaue unten halb rechts ist ein Basketballfeld auf dem Dach!


"Sky Portal": Man tritt auf eine gläserne Fäche, unter der in Echtzeit Ansichten der darunterliegenden Straßen in HD gezeigt werden.


Blick über den Hudson auf Jersey City. Die zweite Anlegestelle von rechts, das ist unser Hotel.

Bei gutem Wetter kann man bis zu 80 Meilen weit sehen; heute sind es nur 5-10 Meilen - es ist leider sehr diesig, so dass wir Lady Liberty im Morgendunst nur erahnen können. Trotzdem ist es ein echtes Erlebnis. 14 Jahre lang hat es diesen Ausblick nicht mehr gegeben. Von oben sehen wir die Pools des 9/11-Memorials an der Stelle der Twin Towers direkt neben dem Freedom Tower, die wir als nächstes ansteuern. 

Als wir vor drei Jahren hier waren, brauchten wir noch Eintrittskarten und es gab noch intensive Sicherheitskontrollen, ehe Besucher die Gedenkstätte betreten durften. Inzwischen ist der Platz fast fertig - und komplett öffentlich. Die riesigen Pools an der Stelle der Twin Towers mit den eingravierten Namen der Opfer des 11. Septembers sind aber trotz der deutlich quirligeren Atmosphäre genauso eindrucks- und würdevoll wie damals. 


Auf dem Gelände hat inzwischen auch das 9/11-Museum eröffnet. Da wir online Karten gekauft haben, kommen wir ohne Wartezeit rein. Eine Museums-App mit Audioguide, gesprochen vom New Yorker Robert de Niro, führt uns durch die weitläufigen Räume, die die Entstehung der Twin Towers zeigen, aber vor allem die Erinnerungen an die Anschläge vom 11. September auf beklemmende Weise wachhalten. Gewaltige verbogene Stahlträger, ein Feuerwehrwagen, der von den einstürzenden Gebäuden fast völlig zerstört wurde, und unzählige Gegenstände, die den Opfern gehört haben - Brillen, Uhren, Handys, Papiere, Geldbörsen, zerfetzte Kleidung voller Staub - sind stumme Zeugen des Grauens. Wir befinden uns unterhalb der Pools, praktisch im Fundament der Türme, das teilweise erhalten und freigelegt worden ist. 



In der Ausstellung hängen Fotos aller Opfer an riesigen Wänden. In einem abgedunkelten Raum sitzen die Besucher entlang der Wände auf Bänken und lernen die Opfer mit Bild und Lebenslauf näher kennen. Zu diesen Projektionen auf die Wände erzählen Angehörige aus der Dunkelheit von ihren Erinnerungen. Das Grauen bekommt ein Gesicht, 3000 Mal. Das ist, ehrlich gesagt, nur begrenzt zu ertragen, und wir verlassen das Museum nach zweieinhalb Stunden und wärmen uns erstmal in der Sonne vom Dauerfrösteln im Museum auf. 


Übrigens gibt es im Museum auch einen Giftshop, den ich hier angesichts des Themas eher nicht erwartet hätte. Der 11. September ist schließlich kein Feiertag wie der 4. Juli, und ich kann mir nicht vorstellen, wer seinen Kaffee aus einem Becher mit der riesigen Aufschrift "9/11" trinken möchte. Eindeutiger Höhepunkt des schlechten Geschmacks: ein Frühstücksbrettchen und Kühlschrank-Magnete zur Erinnerung an die Hunde des 11. Septembers. 


Aber die Ausstellung können wir in jedem Fall eindeutig empfehlen, weil sie die Hintergründe, die Ereignisse und die Nachwirkungen von 9/11 anschaulich erzählt und die Erinnerungen auf eindringliche und nachdrückliche Weise aufrecht erhält.

Nach kurzer Diskussion über das Anschlussprogramm und einem kleinen Regenschauer fahren wir mit der U-Bahn zum Times Square. Es ist unser 3. gemeinsamer Besuch in New York und fast schon eine kleine Tradition, das laute und geschäftige Treiben auf der roten Treppe aus dem Video "Empire State of Mind" von Alicia Keys (unserem Familien-New-York-Song) zu verfolgen. Lebende Freiheitsstatuen, der nackte Cowboy mit der Gitarre und Figuren aus der Sesamstraße buhlen um die Aufmerksamkeit der Touristen, und Darsteller aus den Musicals rund um den Times Square locken in ihre Shows. Zwei Turner aus Asien zeigen ihr Können - der eine balanciert den anderen auf seinem Kopf die roten Stufen hinauf.


Nach kurzem Abstecher in den riesigen M&Ms-Store und in den Shop von American Eagle geht's zurück ins Hotel. Inzwischen ist es halb sechs, und wir haben den Eindruck, dass halb Manhattan nach der Arbeit wieder mit uns zurück nach New Jersey fährt. 
Gute Nacht aus dem wolkigen Jersey City. Morgen besuchen wir wieder einmal Lady Liberty und erklimmen noch mal ihre Krone!



Tag 1: Anreise nach New York

Hello Big Apple! Und hello Jetlag! Es ist 4:30 Uhr morgens, und die Nacht ist vorbei. "Gefühlt" ist es halb elf Uhr vormittags. 17 Stunden waren wir unterwegs, von der Haustür in Mesum bis zur Hotelzimmertür in Jersey City. Dazwischen lagen ein Frühstück am FMO, ein kurzer Flug nach München, ein langer Flug nach New York, fast zwei Stunden Einreise-Warterei am JFK-Airport und eine genausolange Taxifahrt ins Hotel. 


Urlaubs-Selfie 1: in der Lounge am FMO beim Frühstück um 8.

Der Lufthansa-Flug nach New York war super, in einem offenbar ziemlich neuen Airbus A340-600 - ein Flieger, der noch länger ist, als der Riesen-Airbus A380, aber viel schmaler und, jedenfalls bei Lufhansa nach meinem Eindruck komfortabler. Empfehlenswert für die Holzklasse: Reihe 28, direkt hinter der neuen "Economy Premium", die die Lufthansa vor einigen Monaten eingeführt hat: Dirk (1,94 m) musste seine Beine diesmal nicht zusammenfalten, sondern konnte sie bequem ausstrecken, ohne (!) den Vordermann auch nur annähernd zu berühren.


Platz ohne Ende in Reihe 28! Aber was macht da eigentlich Dirks unbekannte Nachbarin mit den gefährlich rot lackierten Fingernägeln? :-)

Wir konnten zwar erst mit 30-minütiger Verspätung starten (ein Wasserschlauch zu den WCs tropfte), landeten aber dennoch fast pünktlich um kurz nach 15 Uhr Ortszeit in New York. Dort reihten wir uns klaglos in die lange, sich mehrfach durch den Immigration-Bereich windende Schlange ein. An keinem anderen US-Flughafen reisen mehr Passagiere aus aller Welt ein, als an JFK. Deshalb gibt es dort seit kurzer Zeit neue Einreise-Automaten, die "Automatic Passport Control" (APC) an sogenannten "self-service-kiosks", die wir diesmal leider noch nicht nutzen konnten. Wer als Tourist mindestens zum 2. Mal in die USA einreist, mindestens das 2. ESTA-Einreisevisum besitzt und einen Reisepass mit biometrischen Daten hat (er darf aber nicht ganz neu sein, sondern muss mindestens einen USA-Einreisestempel seit 2008 haben), der kann diese "Kioske" nutzen und damit die langwierige Ansteherei an der Immigration umgehen. - Liebe Inge, vielleicht spart euch das in drei Wochen Zeit? Wir konnten APC leider nicht nutzen, weil Dirk und ich ganz neue Pässe gänzlich ohne irgendwelche Einreisestempel haben. Wenn ihr reinkommt in den Immigrationbereich, stellt euch nicht bei "Visitors" an, sondern bei "US-Citizens". Dort seht ihr schon die Counter, an denen man die Formalitäten direkt erledigen kann. Achtet auf die APC-Hinweise.

Als wir die Einreiseformalitäten endlich hinter uns hatten, warteten unsere Koffer schon sehnsuchtsvoll neben dem bereits ausgestellten Kofferband auf uns. Die Taxifahrt ins Hotel durch die permanente New Yorker Rush Hour dauerte noch mal fast zwei Stunden, aber wenn die Skyline von Manhattan das erste Mal auftaucht (hier an der Queensbridge), entschädigt dieser Anblick für alle Reisestrapazen. 


Auf der Fahrt ins Hotel haben wir die Preise für's Parken verglichen: 1/2 Stunde Parken kostet in Manhattan gerne mal 12 Dollar (und mehr), in Jersey City kann man dafür einen ganzen Tag stehen bleiben. Das ist immerhin fast so günstig, wie der Tagessatz im Mediamarkt-Parkhaus in Rheine...

Unser Hotel ist diesmal nicht in Manhattan, sondern in Jersey City auf der anderen Seite des Hudson Rivers. Es liegt direkt gegenüber des neuen One World Trade Centers, das auch "Freedom Tower" genannt wird. Vom Zimmer aus haben wir nur einen schrägen Blick auf die Skyline, aber von der Hotel-Terrasse aus ist der Anblick in der Abendsonne auf die gegenüberliegende Seite einfach umwerfend:


Direkt neben unserem Hotel ist eine Path-Station, und gleich die nächste Haltestelle, nach einer vierminütigen Fahrt unterm Hudson, ist "World Trade Center". Für heute Morgen haben wir Tickets zum Observatory Desk im One World Trade Center, das erst Ende Mai eröffnet hat und breathtaking views verspricht. Anschließend wollen wir noch mal zum 9/11-Memorial und dann ins 9/11-Museum, das noch im Bau war, als wir vor zwei Jahren zuletzt hier waren. Ein spannender Tag steht bevor - super wäre noch schnell noch eine Mütze Schlaf, ehe es los geht!

Donnerstag, 2. Juli 2015